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REALIZE RUHRGEBIET Posts

Die Dinosaurier weigern sich zu sterben – Der Steag-Deal und die Finanzkrise der Ruhrgebietskommunen

Im April 2017 legte das Essener Energieunternehmen Steag eines der größten Kohlekraftwerke Deutschlands in Voerde am Niederrhein still, das sie in Kooperation mit der RWE AG jahrzehntelang betrieben hatte. Es wird in den nächsten Jahren abgerissen. Die Energiewende hat nun auch den fünftgrößten deutschen Stromerzeuger erfasst. Das Besondere an der Steag ist, sie wurde vor einigen Jahren von einem Stadtwerke-Konsortium aus dem Ruhrgebiet gekauft. Dass ausgerechnet hoch verschuldete Ruhrgebietsstädte dieses Risiko übernahmen, ist ein unfassbarer Vorgang, dessen Auswirkungen jetzt deutlich werden.

„In Essen gibt es genug Gebäude, die auf Nutzung warten“

Interview mit den Aktivist*innen des »Alibi«

Mit dem Alibi war Anfang 2016 ein selbstverwalteter Freiraum entstanden, den es in der Form in Essen vorher nicht gab: ein Raum für Gruppentreffen, Veranstaltungen, Konzerte, Parties und mehr. Nun musste das Alibi aus den Räumen ausziehen. Damit fehlt wieder ein Ort für politische Initiativen und selbstorganisierte Aktivitäten in Essen. Die Aktivist*innen erzählen, wie wichtig ein solcher Ort ist und wie es nun weitergehen soll.

Freiraum in Grün – Erste Hausbesetzung in Bochum seit 16 Jahren

Das Haus ist ein bisschen in die Jahre gekommen. Hier und da ist ein Stück abgeplatzt von der grünen, etwas blassen Fassade. Ansonsten: typisch für die Gründerzeithäuser, wie sie im Ruhrgebiet noch in ganz vielen Straßen zu finden sind. Spitze Giebel, schmale, hohe Fenster, abgesetzt, darüber Bögen mit steinernen Blumenmustern. Eine Borte aus Stein zieht sich die Fassade des Hauses entlang, über dem Ladenlokal, das schon lange leer steht, streckt sich ein eckiger Erker die drei Wohnetagen empor. Das Haus steht leer, in einigen Fenstern hängen noch Gardinen, in anderen nicht, bis vor ein paar Tagen. Aus einem der Fenster hängt jetzt ein weißes Transparent, auf dem steht: „Besetzt!“ 

Never Ending Story Duisburg: Ein soziokulturelles Zentrum für die Stadt

Am 13. März 2017 wurde im Duisburger Stadtrat mit den Stimmen von SPD und CDU der Antrag abgelehnt, die Alte Feuerwache in Hochfeld in städtischem Besitz zu behalten und sich als Stadt für die Schaffung eines soziokulturellen Zentrums in dem Gebäude einzusetzen. Dies ist keine Überraschung für die Initiative für ein soziokulturelles Zentrum in der Alten Feuerwache, die genau dafür kämpft und auch nach der Absage seitens der Stadt nicht aufgibt. Die Forderung ist schließlich mit einem Bündnis aus Anwohnenden, Initiativen und Kunstschaffenden breit aufgestellt.

Räume für die Schaffung eines soziokulturellen Zentrums wurden in den letzten Jahren bereits einige Male von verschiedenen Initiativen gefordert. Doch weder die Kampagne von »DU it Yourself«, noch der offizielle Arbeitskreis rund um das Quartiersbüro Altstadt, der vor knapp zwei Jahren Konzepte für ein Kulturzentrum erarbeitete, waren bis jetzt erfolgreich.

Kreativ mit Bochum-Gen: Stadtmarketing versus Wirklichkeit

Alliterationen sind äußerst beliebt in der Werbung, weil Botschaft und Pro­dukt besser in unseren Köpfen kleben bleiben. Spiel, Spaß, Spannung und Schokolade. „Die Bochum-Strategie“, die der Verwaltungsvorstand der Stadt im Februar präsentier­te, trommelt mit „Wissen – Wandel – Wir-Gefühl“. Bei wem hier welche Botschaft und für was genau kleben bleiben soll, ist unklar – aber es geht erklärtermaßen erstmal dar­um: Dialog. Und auch darum: Den „Klebeeffekt“ der Stadt so ingesamt zu erhöhen, wie Stadtdirektor und Kulturdezernent Michael Townsend bei der Präsentation des Papiers im Rahmen einer Veranstaltung der VHS Anfang März erklärte.

Kollektives Filmschauen und Teil davon werden

Die Premieren-Tour von »Das Gegenteil von Grau«

„Ich kannte total viel gar nicht, was in dem Film gezeigt wird“ war wohl mit der häufigste Satz nach den Vorstellungen bei der Premieren-Tour von »Das Gegenteil von Grau«. Allein in diesem Satz zeigt sich die große Anerkennung, die das Filmteam schon jetzt eingespielt hat, denn genau darum geht es ja bei dem Film: Sichtbarkeit schaffen. Als vor zwei Jahren die Film-Idee bei einem Treffen von »Recht auf Stadt – Ruhr« aufkam, war klar, hier geht es darum eine positive Perspektive zu vermitteln, zu zeigen, was es im Ruhrgebiet an selbstorganisierten Projekten gibt, die aber vielfach unsichtbar bleiben. Für Leonie Herrmann von der Filmgruppe war die Arbeit an dem Film selbst eine Reise, bei der sie das Ruhrgebiet nochmal anders kennengelernt hat: „Wir fanden, dass es so viele Sachen gibt und dass es schade ist, dass das viele Leute nicht kennen.“ 

Der Film »Das Gegenteil von Grau« – Eine Aufforderung zum Tanz

„Brachflächen, Leerstand, Anonymität, Stillstand – nicht alle zwischen Dortmund und Duisburg wollen sich damit abfinden. Im Gegenteil. Immer mehr Menschen entdecken Möglichkeiten und greifen in den städtischen Alltag ein. Ein Wohnzimmer mitten auf der Straße, Nachbarschaft, Gemeinschaftsgärten. Stadtteilläden, Repair Cafés und Mieter*inneninitiativen entstehen in den Nischen der Städte – unabhängig, selbstbestimmt und gemeinsam.“ Der „Klappentext“ zum Film »Das Gegenteil von Grau« hält was er verspricht. Über 20 Projekte, Initiativen und Aktivist*innen porträtiert der Film bei seiner Reise quer durch’s Ruhrgebiet. Dabei zeigt er nicht nur das was heute gerne mit dem Label „urbaner Aktivismus“ versehen wird, wie z.B. Gemeinschaftsgärten, sondern auch ganz handfeste Auseinandersetzungen, etwa um den Erhalt einer Wohnsiedlung in Duisburg oder für die Durchsetzung soziokultureller Zentren in Essen und Dortmund.

Das Ende der Schrumpfung und die Rückkehr der Wohnungsfrage

Im September 2014 veröffentlichte das Netzwerk »Recht auf Stadt – Ruhr« die beiden Texte »Von Detroit lernen!« und »Realize Ruhrgebiet«. Darin wurden die Städte des Ruhrgebiets aufgefordert offensiv mit der Abwanderung umzugehen und Schrumpfungsprozesse als stadtpolitische Chance zu begreifen. Heute, zwei Jahre später, finden wir eine neue Situation vor. Der jahrzehntelang anhaltende Prozess der Schrumpfung scheint gestoppt und in einigen Städten gibt es tatsächlich einen Bevölkerungsanstieg. Doch die Bevölkerungsentwicklung bleibt widersprüchlich.

Wachstum? Schrumpfung?

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2015 sollte das Ruhrgebiet weiter schrumpfen, nicht zuletzt weil die Bevölkerung in NRW insgesamt abnehme und die Menschen eher ins Rheinland ziehen als ins strukturschwache Ruhrgebiet. Viele Städte melden nun eine gegenteilige Entwicklung. Dortmund wächst schon seit einigen Jahren wieder, in Bochum lebten 2015 3.900 Menschen mehr als 2014, in Essen stieg die Zahl der Einwohner*innen von 2015 bis 2016 um rund 9.000 auf 592.000, also auf fast 600.000. Gemessen an der Gesamtzahl der hier Lebenden sind das keine großen Zuwächse aber immerhin eine Kompensation der weiterhin stattfindenden Abwanderung und der Sterbeüberschüsse. Von den 9.000 neuen Bewohner*innen Essens stammen rund 5.000 aus Syrien. In Gelsenkirchen wird die Stagnation der Schrumpfung in erster Linie durch Zuwanderung aus den neuen EU-Ländern Rumänien und Bulgarien erreicht.